Ein brutaler Tag beim Stubai Ultratrail
von Matthias Stahl
Ich hatte während des Stubai Ultra Trails viel Zeit zum Nachdenken. Aber darüber, wie dieser Bericht verfasst werden sollte, hatte ich nicht nachgedacht. Nur eins war klar: Als Autor muss ich diesen aus der Perspektive des Teilnehmers schreiben – eine objektive Beschreibung des Events in Form eines klassischen Rennberichts kommt nicht infrage. Wer hingegen nur an den Ergebnissen interessiert ist, findet diese hier. Und wer noch mehr über Sebis Perspektive erfahren möchte, der möge ihn gerne fragen. :-)
Dass es ein haarsträubendes Unterfangen werden würde, war uns – Sebi und Matthias – klar, als wir am Freitagmorgen begleitet von Matthias‘ Frau Caro Richtung Stubaital aufbrachen. Die Anmeldung war vor Monaten erfolgt, die anschließende Vorbereitung dann jedoch nicht wie geplant verlaufen. Mit viel zu wenigen Kilometern und vor allem Höhenmetern in den Beinen würde ein Ultratrail mit 59 km und 4300 hm eine Quälerei – bestenfalls. Denn auch die drei Buchstaben DNF kamen uns beiden bei jedem Gedanken an den Lauf vorab in den Sinn.
Bei der Abholung der Startnummer und dem Anblick der umliegenden Berge machte sich etwas Vorfreude, aber auch eine gehörige Portion Respekt bemerkbar. Das Wetter am Renntag sollte warm werden, doch zumindest zum Start um 7:30 Uhr und bis über den ersten Anstieg hinüber hielt sich die Sonne noch hinter Wolken zurück. Nichtsdestotrotz waren die 1.200 hm zum Naturschauplatz Hühnerspiel eine äußerst schweißtreibende Angelegenheit. Im stetigen Marsch ging es nach oben, unterbrochen nur durch die erste VP etwa auf halber Strecke – schon jetzt musste ich meine Energie- und Getränkespeicher ordentlich auffüllen. Ungefähr alle 20-30 Minuten aß ich 1-2 Salztabletten in der Hoffnung, dass meine Beine es mir danken würden. Eine Strategie, die ich zwar bis zum Ende durchhielt, die mir meine Beine jedoch nicht dankten.
Auf Sebi hatte ich bis zur VP ein paar Minuten „herausgewandert“. Er gab mir dort jedoch das Signal, ruhig mein Tempo weiterzugehen. Wie sich dann nach dem anschließenden 1000-hm-Downhill herausstellte, war für ihn das Rennen deutlich schneller beendet als erhofft, wie er danach berichtete: “Der Stubai Ultra war wohl als Premiere für die Ultratraildistanz als Noobie doch zu blauäugig gewählt. Gerade die fast vertikale Downhillpassage im ersten Abschnitt hat mir einfach gezeigt, dass ich dort viel zu ahnungslos war und gar nicht wusste, was auf mich zukommt. Nach einigen Stürzen, Prellungen, Blessuren und Stauchungen fiel dann leider der Hammer an der VP2 - schweren Herzens. Jetzt heißt es Wundenlecken und erneut angreifen!”
Da waren sie wieder, die drei Buchstaben DNF. Ich erfuhr von Sebis Ausstieg im zweiten großen Aufstieg des Tages und dachte blitzartig daran, wie lange ich es wohl noch durchhalten würde. Außerdem war ich traurig, dass wir nun nicht mehr beide abends zufrieden im Zielort sitzen würden. Zwar ohne Stürze, aber mit mittlerweile schon über 2000 hm fühlten sich meine Beine keineswegs mehr frisch an. Zum Glück fand ich im Uphill zur Starkenburger Hütte in Ludwig einen netten Begleiter und das Plaudern lenkte von den schmerzhaften Schritten ab. Leider musste er sich kurz nach der VP wegen eines Krampfes zurückfallen lassen und ich zog allein zum Naturschauplatz Gletscherblick. Für allzu viel Panoramaromantik nahm ich mir aber keine Zeit. Die Sonne kam immer öfter durch die verschwindenden Wolken und so wurde die Querung zur Galtalm trotz negativer Höhenbilanz eine heiße Angelegenheit.
Kurz oberhalb dieser VP - die Hälfte der Strecke war nun geschafft - wurde ich von Caro empfangen, die ein Stück hinter mir her trabte und mich dann an der Verpflegungsstation unterstützte. Der anschließende Streckenabschnitt hinunter nach Vergör führte über breitere geschotterte Wege und ich ließ laufen - was meine Beine beim folgenden welligen Terrain zurück bis Neustift mit Krämpfen quittierten. Caro begleitete mich erneut ein Stück, was für etwas Ablenkung sorgte.
Zurück im Tal stand an der VP in Neustift dann die Entscheidung an: Ein Marathon war bereits absolviert, aber die letzte Schleife würde erneut auf 2300 m Höhe über’s Zwölfernieder führen: 1300 hm hoch und wieder herunter über 19 km bis ins Ziel. Der majestätische Anblick des Jochs zwischen Elfer und Zwölfer von der gegenüberliegenden Bergseite zuvor spukte mir im Kopf. Ebenso die Cutoff-Zeiten, die aufgrund der Hitze verlängert wurden. Es war 15:20 Uhr und noch genügend Zeit bis zum Zielschluss. Also Kopf runter und los! Die Kurzform zum Aufstieg: Es war ein drei Stunden währender Kampf. Wille gegen Körper. Erschöpfung gegen Euphorie. Ich habe geschwitzt, geflucht, gebissen und ja, auch geheult. War kurz davor umzudrehen, habe es aber nicht gemacht. Irgendwann kam ich aus dem Bergwald und sah die Wand vor mir, die zu überschreiten war. Ein traumhafter Anblick, ein Albtraum. 50 Schritte gehen, 30 Sekunden pausieren. In Dauerwiederholung bis oben hin, wo mir ein kurzer Schrei und ein paar Tränen der Erleichterung entwichen.
Die letzten 10 km bergab taten dann zwar weh. Aber der Schmerz ließ sich aushalten, denn es überwog das Glücksgefühl. Vor allem beim Anblick des Zielbogens, den ich nach 12 Stunden und 21 Minuten endlich passierte. Ein langer, harter, heißer Tag in den Stubaier Alpen, der mir nicht nur wegen des anhaltenden Muskelkaters noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Sebi und ich haben unsere Schlussfolgerungen aus den Ereignissen gezogen: Ja, es war schwierig - vielleicht zu schwierig für uns oder den ersten Ultratrail. Und ja, wir werden wohl nie gut genug trainiert an der Startlinie eines solchen Events stehen. Dennoch werden wir es wieder tun! Wahrscheinlich nicht hier und ganz sicher nicht mehr in diesem Monat - aber irgendwann irgendwo bestimmt.