Der Zugspitz Ultratrail 2026 - Unfinished Business

von Matthias Stahl

Der - wenn auch anders erwartete - Saisonhöhepunkt für Sebi und Matthias. Da darf man sich einen langen Rennbericht gönnen. Es hätte fast ein Buch werden können. Für die Ungeduldigen und Ergebnisorientierten hier die Kurzform (alle anderen dürfen direkt zum vollständigen Bericht springen):

Sebi und Matthias haben sich ein Dreivierteljahr zuvor für den Zugspitz Ultratrail angemeldet, um erstmals einen 100 km langen Traillauf zu finishen. Genauer sollten es 107 km mit 5100 hm werden. Einen Tag vor dem Start wurde die Strecke jedoch aufgrund drohender Gewitter auf 74 km und 3200 hm verkürzt. Nach anfänglicher Enttäuschung über die verpasste Chance schickten sich beide in das dennoch aufgrund der langen Nacht und Hitze nicht leichte Rennen, das Matthias nach 10:18:57 h auf Rang 126 / 722 und Sebi nach 14:41:18 (Rang 632) beendeten. Beide haben damit zwar ihren längsten Lauf absolviert, alles in allem bleibt jedoch ein “unfinished business” und die Frage “Schaffen wir auch 100 km?”, die wir nun ein andermal beantworten müssen…

 

Vollständiger Erlebnisbericht

Heiße Tage stehen uns bevor - das ist uns klar, als wir am Donnerstagmorgen des 18. Juni im Westerwald aufbrechen. Wir, das sind Sebastian und Matthias, die sich auf den Weg nach Garmisch-Partenkirchen machen, wo mit dem Zugspitz Ultratrail (ZUT) unser Saisonhighlight 2026 stattfinden soll. So viel vorab: Ein Highlight wird es, ungetrübt wird der Spaß jedoch nicht sein.

Eigentlich wollten unsere Frauen uns unterstützen. Aber Sebastians Caro muss aufgrund anderer Termine kurzfristig passen, Matthias’ Caro kommt wenigstens pünktlich zum Start am Freitagabend aus Berlin mit dem Zug angereist. So bleibt uns beiden auf der Fahrt nur das gemeinsame Reflektieren der letzten Monate der Vorbereitung, die alles in allem zu unserer Zufriedenheit gelaufen ist. Trotzdem ist uns klar, dass die geplanten 107 km mit über 5.000 Höhenmetern rund um Deutschlands höchsten Berg kein Zuckerschlecken sein werden.

Nach der Ankunft am frühen Nachmittag und dem Beziehen der Unterkünfte treibt uns beim Spaziergang durch die Stadt die sengende Sonne schnell Schweißperlen auf den ganzen Körper. Es droht uns eine Hitzeschlacht. Leider wird schnell klar, dass dadurch das Gewitterrisiko zum Wochenende enorm steigt. Es machen sich erste Befürchtungen breit, dass das Rennen vielleicht nicht so ablaufen könnte wie geplant. Doch zunächst holen wir frohen Mutes im Kurhaus unsere Startnummern ab und schlendern über die üppige Trail-Expo. Sebi macht noch das ein oder andere Schnäppchen und besorgt sich Bandagen zur Unterstützung seines maladen Beins - in der Hoffnung, dies möge beim Laufen das Schlimmste verhindern.

Am Donnerstagabend gönnen wir uns ein Schnitzel im Gasthaus, um uns anschließend den Start der 100-Meiler anzusehen und checken dabei nochmal die Wetterprognose für Freitag und Samstag. Leider lässt diese nichts Gutes ahnen und so kommt wenig später die Nachricht aufs Handy, dass mehrere Strecken verkürzt werden: Die 100 Meilen werden zu 100 Kilometern degradiert. Und unser erster 100-km-Ultratrail wird auf 74 km verkürzt, der Start nach Leutasch verlegt. Bereits einen Tag bevor unser Rennen beginnt, ist also klar, dass wir keine Chance mehr auf den 100er haben werden - welch eine Enttäuschung! Wir verfolgen dann noch den stimmungsvollen Start der ZUT100-Läufer und gehen mit gemischten Gefühlen ins Bett.

Freitag ist Renntag. Da aber der Start erst um 21:30 Uhr erfolgt, bleibt tagsüber genug Zeit für einen Streckencheck des nun höchsten Punkts unserer Strecke, dem Osterfelderkopf. Wir fahren mit der Seilbahn hinauf und wandern zur Hochalm hinab. Der teils steile Weg treibt Sebi aufgrund seiner Beinbeschwerden die Zornesröte ins Gesicht und lässt für den Aufstieg während des Rennens Qualen befürchten. Gerade als Matthias am frühen Abend seine Caro vom Bahnhof abholt, bewahrheitet sich dann die Wetterprognose: Ein ordentliches Sommergewitter entlädt sich über der Region - mit Starkregen, Blitzen und Donnern, bei denen man sich wirklich nicht am Berg aufhalten will. Aufgrund ähnlicher Vorhersagen für Samstag zweifelt kaum einer die Richtigkeit der Streckenverkürzung an. Dennoch fällt es Matthias zunächst schwer, sich für den Start zu motivieren - waren doch die Erwartungen ganz andere…

Dankenswerterweise bringt uns Caro mit dem Auto ins 40 Minuten entfernte Leutasch, sodass uns wenigstens ein früher und langer Shuttlebus-Transport erspart bleibt. Wir dürfen noch den Start der ebenfalls verkürzten, nun streckengleichen “86-km-Distanz” beobachten. Nach dem Ausrüstungscheck und mit Verspätung hat dann um 21:40 Uhr das Warten und Hadern endlich ein Ende: Es geht los! Trotz anderer Pläne verlieren sich Sebi und Matthias direkt nach dem Start im engen Feld und die hereinbrechende Dunkelheit verhindert das Wiederfinden. Deshalb trennen sich unsere Wege vom Start an und wir berichten euch vom Lauf aus zwei Perspektiven.

Matthias’ Rennen

3, 2, 1 und ab in die Nacht! Es ist zwar nicht dieselbe Stimmung, die sich in Garmisch geboten hätte, aber die anwesenden Zuschauer am kleinen Hügel, der direkt auf den Start aus der Wettersteinhalle heraus erfolgt, machen ordentlich Radau. Und so laufe ich mit einem Grinsen im Gesicht los in einen Streckenabschnitt, den ich tatsächlich von den 4 Trails 2021 kenne - allerdings bei Tageslicht. Die Dunkelheit hat uns Läufer inzwischen komplett umhüllt und das Feld sortiert sich über die ersten welligen Kilometer auf dem Weg zum VP Hämmermoosalm. Es bleiben das Klackern der Stöcke auf dem Untergrund, einzelne Gesprächsfetzen um mich herum und ansonsten der Fokus auf die Aufgabe. Und das ist zunächst mal der Aufstieg über 1.000 hm zum Scharnitzjoch. Während ich in einer Schlange aus unzähligen Stirnlampen den Berg hinauf stapfe, reflektiere ich, wie unmotiviert ich vor dem Start war. Ich fühle mich gut, überhole die und den ein oder anderen, bremse mich dann jedoch etwas ein, da wir ja eben erst losgelaufen sind.

Auf dem Scharnitzjoch angekommen, überlege ich, dass ich in etwa hier eigentlich den Sonnenaufgang sehen wollte - wäre denn alles nach Plan gelaufen… Da es nachts um 1 Uhr stockfinster ist, gibt es keinen Grund anzuhalten, weshalb ich nun für meine Verhältnisse mit Vollgas den Downhill herunterballer. 1000 hm wieder runter zurück in die Leutasch zum zweiten VP am Hubertushof. Ein Niederländer stürzt hinter mir, ich helfe ihm auf, und versuche dann den Anschluss an die noch viel schnelleren, echten Bergziegen zu halten. Es macht wirklich Spaß und ich versuche den Gedanken, dass ich das Laufenlassen später noch bereuen könnte, beiseite zu schieben.

Vom Hubertushof hinunter nach Mittenwald folgt ein langer, gut laufbarer, flacher Streckenabschnitt, den ich bei einer früheren Teilnahme vor Jahren mit Start in Ehrwald aufgrund der Ermüdung nur noch gehen konnte. Diesmal laufe ich ihn im 5er Schnitt durch und erlaube mir einen ersten Blick auf mein Handy - die Zwischenzeiten und Position interessieren mich nun doch. Ich stelle fest, dass ich für meine Verhältnisse deutlich zu schnell und zu weit vorne bin. Ich schreibe dies auch Olli, der mitten in der Nacht noch wach ist und mich von daheim aus auffordert, so weiterzumachen. Gleichzeitig ist mir ab jetzt völlig egal, ob ich das Rennen mit dieser Geschwindigkeit überhaupt im Ziel beende (ich gehe für mich selbst mindestens von einem deutlichen Einbruch im weiteren Verlauf aus) und beschließe, das Tempo durchzuziehen, solange es geht.

Nach der Verpflegung in Mittenwald geht es hinauf zum Ferchensee, einem beliebten Fotospot - nicht heute Nacht. Ich laufe nun gemeinsam mit zwei Männern am See entlang und über die endlos scheinenden Schotterstraßen zum Schloss Elmau - eine Laufgesellschaft, die sich zufällig gefunden hat und über einige Kilometer hält. Etwas Plauderei macht die zunehmenden Anstrengungen erträglich, als es nach der nächsten Verpflegungsstation mit einer Nudelsuppe und Kuchen gestärkt hoch zum Wamberg geht. Mein Schritt ist etwas schneller als der meiner Begleiter, die dadurch zunächst etwas zurückfallen. Allein mit mir und dem Gedanken an den bevorstehenden Aufstieg zum Osterfelder freue ich mich auf die nahende Morgendämmerung. Zugleich wundere ich mich, dass ich den elendig langen Zuweg zur Laubhütte am Fuße des Bergs inklusive steilem Stich zur Partnachalm aus meiner Erinnerung der vorherigen Teilnahme gelöscht hatte. Auf diesem Stück fühle ich mich schwach und leide. Ich sehne die Verpflegung an der Laubhütte herbei. Der fehlende Handyempfang hier ermöglicht mir keinen Kontakt zur Außenwelt und lässt mich mit meinem selbst gewählten Schicksal allein.

Nach einem 5-minütigen Boxenstopp an der Laubhütte begebe ich mich in den langen Aufstieg zum Osterfelder und treffe dabei auf einen meiner Begleiter aus der Nacht. Ich hänge mich an dessen Vierergruppe und könnte etwas schneller die unzähligen Serpentinen hochwandern. Ich bleibe aber dahinter und denke an das letzte Stück des Aufstiegs, das wir gestern beim Heruntergehen inspiziert hatten. Besonders brutal: Man hört den lauten Trubel der Nomads-Cheering-Zone Zegapa - das Stimmungsnest des ZUT schlechthin - schon von unten. Es dauert aber endlos lange 2,5 km und mehr als 500 hm, bis man tatsächlich dort ankommt. Doch selbst am frühen Samstagmorgen gegen 6 Uhr sind viele unerschrockene Nomads dort, um alle Läuferinnen und Läufer anzufeuern - ein genialer Motivationsschub! Dazu kommt ein eindrucksvoller Sonnenaufgang hinter den Bergen, der die Strapazen der noch folgenden 400 hm leider nur kurz verdrängt, zumal mit der Sonne nun die Wärme kommt. Es wird zäh, aber bald kommt die Bergstation der Alpspitzbahn in Sichtweite und kurz davor zweigt die Strecke rechts ab: der höchste Punkt ist erreicht. Welch eine Erleichterung!

Der Wechsel vom stundenlangen Aufstieg zum Downhill ist zunächst schwierig für die Beine. Besser wird es eh nicht mehr, denke ich mir, und freue mich, dass es von nun an fast “nur noch” 12 km bergab zurück nach Garmisch geht. Ich versuche, so viel wie möglich zu laufen, auch wenn es gegen Ende  für die Oberschenkel richtig schmerzhaft wird. Die letzten Kilometer sind Schotterwege zwischen und über Skipisten. Ein letztes Mal Getränkeauffüllen am Trögllift. Die Tatsache, dass ich das Ziel viel früher erreiche als geplant und mich niemand mehr überholt, gibt mir die Kraft für die letzten zwei flachen Kilometer im Tal in die Stadt hinein. Fast flach, denn als letzte Herausforderung wartet noch die berüchtigte Überführung über die Bundesstraße auf uns: Etwa 30 Stufen hoch und auf der anderen Seite wieder runter, eine letzte Freude für die Beine. Doch dann ist es nicht mehr weit und ich höre den Moderator im Zieleinlauf. Caro hat mein Rennen die Nacht über aus dem Hotelbett verfolgt, mich durch Nachrichten mental unterstützt und steht nun im Zielbereich, als ich einlaufe. Nach 10 Stunden, 18 Minuten und 57 Sekunden überquere ich die Ziellinie und spüre die Freude über diese unverhofft gute Zeit. Ein paar Tränen der Erleichterung wische ich mir zusammen mit Schweiß aus dem Gesicht. Später sehe ich, dass es Rang 126 von 722 Finishern geworden ist. Rückblickend würde ich sagen, dass es die beste Laufleistung meines bisherigen Lebens war. Ich hatte nachts nicht erwartet, mein Anfangstempo und die Zwischenplatzierung zu halten. Gegen Ende habe ich noch ein paar Läufer überholt, statt selbst überholt zu werden - für mich ein großartiger Erfolg. Wenig später drängt sich ein weiteres Gefühl in den Vordergrund: Mit dieser Form hätte ich die 100 km vermutlich tatsächlich geschafft. Doch leider gab es diesmal keine Chance, dies wirklich zu prüfen.

Unmittelbar nach dem Zieleinlauf taucht außerdem ein Gedanke auf, den ich gegenüber Caro auch formuliere: Sebi scheint eine harte Zeit da draußen zu haben, es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis er ins Ziel kommt. Ich habe natürlich ab und an nicht nur meine Zwischenzeiten gecheckt, sondern auch immer wieder seinen Namen gesucht und weiß daher, dass er sich nun bei der beginnenden Hitze des Tages noch länger quälen werden muss. Da er jedoch ein gutes Mindset hat, bin ich mir sicher, dass er es durchziehen wird. Und deshalb ist klar, dass wir ihn hier im Ziel empfangen werden.

Sebis Rennen

Da war er also… Der Zeitpunkt, auf den wir uns so lange vorbereitet hatten. Ich hatte seit einer Woche Probleme mit dem linken Bein, wobei ich die eigentliche Stelle gar nicht lokalisieren konnte. Es zog sich vom Knie über das Schienbein, die Wade, ins Sprunggelenk und wieder zurück. Immer wechselnd und nie die gleiche Stelle. Das Training und die Vorbereitung liefen eigentlich super und dann das wieder.

Aber versuchen musste ich es. Also das Knie „fachmännisch“ getapet, Kompressionsstulpe an Wade und für alle Fälle noch eine Bandage fürs Sprunggelenk in den Rucksack…

Mit leichter Verzögerung der Startzeit ging es dann aus der Halle raus in die Nacht. Ein freudiges, nervöses Knäuel an Trailrunverrückten stolperte direkt den an der Startlocation befindlichen Hügel hoch, teils lachend, teils mit Respekt im Gesicht, was das bevorstehende Abenteuer Ultratrail, das gerade begonnen hat, die nächsten Stunden bringen wird. Matthias dort das letzte Mal gesehen und weg war er.

Aber unser „Plan“ sah ohnehin vor, dass ich die Sache am Start ganz locker angehe, um erstmal zu sehen, was der Huf macht. Also im Rudel durch die Ortschaft, ein letzter Schein der Straßenlampen und dann ging es auch schon auf die Pfade, und nur noch die Stirnlampen zeigten uns flackernd den Weg.

Kurz vor dem ersten VP erhalte ich eine Whatsapp von Matthias: “Wo bist du? Wie geht’s mit dem Bein?“  Ein kurzes „Toi! Toi! Toi!“ meinerseits und weiter nach oben den Lichtern der Hämmermoosalm entgegen. Dort kurzer Check und das Bein „lief“ wirklich gut. Also erstmal verpflegen und Flaschen neu gefüllt. Mein Ziel, konsequent zu trinken, so dass ich an jeder VP auch einen Liter geleert habe, wollte ich unbedingt halten. Also weiter dem ersten Highlight entgegen. Mit dem Bein verlief alles soweit ok bisher… Dafür sollten schon bald andere Probleme auftreten.

Aufstieg Scharnitzjoch! Was soll ich sagen… Aus einem Wäldchen raus und vor uns zeichnete sich noch dunkler vor der Nacht dieses Massiv ab. Und der Gänsehautmoment waren diese unzähligen kleinen blinkenden Lichter im Berg, die sich einer Straßenbahn gleich den Berg hoch schlängelten.

Der folgende Anstieg war dann auch ein unfassbares geiles Gefühl, es lief gut, es lief zügig und die Endorphinausschüttung tat ihr übriges. Oben angekommen erstmal dann im kleinen Schneefeld am beginnenden Abstieg eine kurze Schlitterpartie eingelegt, weil ich zu cool war die Stöcke nochmals auszupacken und hätte mich um ein Haar dann auch direkt lang gelegt.

Danach begann dann der Abstieg, für mich immer Hasspassagen, und führte dann irgendwann wieder in bewaldetes Gebiet, wo der Wurzel- und Steinuntergrund durch den vorherigen Gewittereinfluss doch auch etwas tricky zu nehmen war. Kurz vor mir stürzte ein polnischer Mitläufer, der sich nach kurzem Check einer kleinen Gruppe zwar schnell wieder auf den Beinen befand, dann aber wegen Hüftschmerzen doch den Lauf am nächsten VP in etwa 1 km beenden wollte.

Dort angekommen wurden erneut die Vorräte und Speicher aufgefüllt und auch hier ließ ich mir etwas Zeit dafür, horchte ins Bein und setzte dann den Lauf in die Nacht fort. Und jetzt begannen die Probleme.

War mein Fueling in allen Trainingsläufen immer top gelaufen und machte auch nie unter Belastung Probleme, schlug es mir jetzt massiv auf den Magen. Krämpfe und Schmerzen waren die Folge, was mich die nächsten Kilometer zweimal in Richtung Büsche drückte. „Das war’s dann wohl“ dachte ich, aber Aufgeben kam eigentlich nicht in Frage, und so schleppte ich mich mehr schlecht als recht weiter mit dem Ergebnis, das sich wirklich nach dem letzten „Sprung ins Gebüsch“ die Wogen glätteten und ich nach und nach ins Leben zurückkam.

Tatsächlich muss ich gestehen, dass für diesen Zeitraum des Rennens nicht viel an Erinnerung übrig ist, das war einfach mehr ein Ablauf im Tunnel, immer mit dem Gedanken, dass der Magen nicht schlimmer wird und ich durchkommen will. Tempo und Platzierung waren ohnehin futsch.

So kann ich mich aber gut erinnern als der VP am Schloss Elmau angelaufen wurde (Für alle Fans hier, nein nicht das Elmau vom Bergdoktor). Dort setzte jetzt die Dämmerung ein und das aufkommende Tageslicht sorgte neben dem beruhigten Magen auch für einen zusätzlichen Motivationsschub. Lampe aus und an der VP mehr feste Nahrung anstelle von Gel konsumiert. Highlight dort waren Nudeln, die ich mangels Besteck direkt mit den Händen aus einer Pappschale esse. Trailrunning at its best!

Die nächsten Kilometer durch die nun deutlich erkennbare und wunderschöne Landschaft gingen gut und in einer kleinen gebildeten Gruppe hatte man immer wieder Zeit, ein paar schöne Gespräche während des Laufens zu führen. So ging es dann dem finalen Highlight entgegen. Ab dem VP Laubhütte kam der Aufstieg zum Osterfelder Kopf.

Und ab diesem Zeitpunkt um etwa km 52 begann dann wegen der steigenden Temperaturen für mich das richtige Leiden. Mit vier anderen Läufern ging es endlose Serpentinen über Stein- und Wurzelpfade nach oben dem Lärm der Nomads-Cheering-Zone entgegen. Eigentlich das Highlight des gesamten ZUT. Nach endloser Zeit aus dem Wald in die pralle Sonne am Osterfelder und genau in diese 100m pure Party- und Stimmungshölle! Was soll ich sagen?! Der absolute Wahnsinn. DJ, Kuhglocken, Hupen und ein endloses Spalier aus Leuten, die einen anfeuerten, motivierten mit Sprüchen und Rufen, dass man sich gefälligst quälen solle und durchbeißen. Leute, da kam einem schon das ein oder andere Tränchen. Das muss man erlebt haben. Die letzten 400 Höhenmeter in praller erbarmungsloser Hitze auf 3 km bis zum Gipfel, dann war es geschafft. Der höchste Punkt des ZUT erreicht und es folgte mit den Worten eines Franzosen am Peak „just the downhill to Garmisch“

Just the downhill… So einfach und doch wurde der 1000 hm Abstieg auf den letzten Kilometern eine Schmerzhölle für mich. Die Muskeln konnten nicht mehr, ich konnte kein richtiges Fueling mehr betreiben, es ging nur noch Flüssigkeit und bei jedem Schritt deutete sich der Krampf in den Beinen an. So ging es dann zusammen mit zwei anderen Jungs Stück für Stück über die Pfade und zuletzt die Wege hinunter.

Ein letztes Hindernis in Form einer Überführung von 25 Treppenstufen hoch und runter (welcher Sadist sich da wohl tagelang nach der Streckenplanung über diese Idee belacht hat) und es ging in die Zielgerade am Richard-Strauß-Platz. Kurz vor dem Ziel feuerte mich Matthias noch an, gefolgt von Caro, die dankenswerterweise meinen Zieleinlauf mit einsetzendem Lagerschaden noch filmisch festhielt.

Angekommen! Was ein Ritt! Ich bin wirklich durch. 14:41 h war ich unterwegs. Definitiv nicht meine angepeilte Wunschzeit und auch wirklich nicht der angestrebte Rennverlauf, aber mit den ganzen Problemchen und Beschwerden unterwegs, war wie bereits gesagt das einzige Ziel die Strecke zu meistern. Jetzt stellt sich für Matthias und mich schon nach kurzer Zeit im Ziel die Frage: Welchen Ultra-Trail nehmen wir uns 2027 vor?

 

Unser Fazit

Ja, wir sind heil im Ziel angekommen. Wir haben es geschafft. Und doch irgendwie nicht. Es fühlt sich zwar gut an und ein gewisser Stolz ist da, dass wir unseren längsten Trailrun gefinisht haben. Aber es fühlt sich auch unfertig an - unfinished business, wie man auf Englisch sagen würde. Daraus kann nur ein Schluss folgen: Es muss ein neuer Versuch für einen 100er gestartet werden. Wo und wann? Lasst euch überraschen, ihr werdet es erfahren…

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